Die Geschichte der freien Jugendherberge in Mühlhausen/Thüringen

Die Geschichte des AntoniQ

Geschildert vom Stadthistoriker Martin Sünder
...für die Redaktion 'Momente', Hefte 8 und 10 in 2007

Das Mühlhäuser Antoniushospital - eine lange Geschichte

Der Mühlhäuser Leineweber Johann Jakob Ohrenschall notierte in der 1725 vollendeten Chronik seiner Heimatstadt für das Jahr 1207 den Baubeginn des Antoniushospitals. Er überliefert uns so eine der frühesten Erwähnungen und der ganz seltenen Gründungsdaten kirchlicher Einrichtungen in Mühlhausen. Als Quelle für sein Wissen beruft sich Ohrenschall glaubhaft auf eine heute verschollene lateinische Urkunde mit dem anhängenden großen Siegel der Stadt, das hier überhaupt zum ersten Mal erwähnt wird. Nach dieser Nachricht stellte Propst Burkhardt von Dorla das Gelände zur Verfügung und der königliche Burgmann Conrad Schellevilz begann mit anderen Burgmannen das Werk. Das sind zwar nur wenige, doch immerhin über unser aus den Urkunden geschöpftes Wissen hinausreichende Kenntnisse. Das Archidiakonat Dorla hatte also im Pfalzgelände Grundbesitz, obwohl Mühlhausen zum Archidiakonat Jechaburg gehörte und Conrad Schellevilz als nun erster eines bedeutenden Mühlhäuser Ministerialengeschlechts wäre uns auch unbekannt geblieben.

Die Wahl des Hl. Eremiten Antonius zum Schutzpatron des Hospitals mag der Ausstrahlung des 1095 vom Papst bestätigten Antoniterordens zu danken sein, der sich der Pflege der am Antoniusfeuer Leidenden widmete. Diese Krankheit wurde durch den Mutterkornpilz im Roggen verursacht und hatte schlimme Verstümmelung oder den Tod zur Folge. Eine der ersten deutschen Ordensniederlassungen der Antoniter wurde allerdings erst 1214 in Memmingen gegründet - sieben Jahre nach unserem Hospital. Auch gibt es keine Nachricht über Mühlhäuser Kontakte zum Orden.

Weiter berichtet unsere Ohrenschallsche Chronik von der Beherbergung der erneut nach Mühlhausen gekommenen Franziskaner 1231/32 im Antoniushospital, bis diesen an der Schwemmnotte ein Areal zum Bau ihres eigenen Klosters zugewiesen wurde.

Eine für das Hospital ganz wesentliche Regelung findet sich zum Jahr 1237: Das Hospital sei dem Magister Hildebrand, Pfarrer der Neustadt, abgekauft und frei gemacht worden. Wir werden diese Nachricht so verstehen dürfen, dass die königlichen Ministerialen als Gründer des Hospitals dieses gegen eine Entschädigung aus dem Pfarrsprengel der damals noch dem König gehörenden Neustädter Pfarrkirche herauslösen konnten. Damit war der Keim für die späteren erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Deutschem Orden als neuem Patronatsherren der Marienkirche gepflanzt worden.

Erst zum Jahr 1295 findet sich in der Chronik wieder eine Nachricht zum Hospital, nach der eine heute ebenfalls verschollene Hausordnung beschlossen und mit dem großen Stadtsiegel gesiegelt worden sei. Trotz des Verlustes kann aus späteren Urkunden die personelle Struktur des Hospitals erschlossen werden: Im Jahre 1302 verlieh der Erzbischof von Mainz dem Mühlhäuser Rat das Recht, dem Jechaburger Archidiakon durch die vom Rat eingesetzten Verwalter (provisores) der weltlichen Angelegenheiten des Hospitals einen Priester als Pfarrer des Hospitals vorzuschlagen. Dieser durfte dann die Pfarrrechte gegenüber den Hospitalinsassen ausüben. Die Ansprüche des Pfarrers der Neustadt wurden zurückgewiesen. Im Jahr 1304 werden neben dem Pfarrer noch vier geistliche Mitbrüder namentlich genannt, 1309 sind es ebenfalls vier und dazu zwei ratsfähige Bürger als Verwalter. Zumindest in einem Fall wissen wir auch davon, dass der Mühlhäuser Rat seinen Schreiber Dietmar - er ist 1336, 1339 und 1344 urkundlich erwähnt - auch als Pfarrer (pleban und rector) des Antoniushospitals einsetzte. Es war für diese Zeit durchaus normal, Geistliche als die Lese- und Schreibkundigen schlechthin in den Kanzleien der Fürsten und Städte einzusetzen. Dietmars Lebensunterhalt konnte so aus den Einkünften des Hospitals bestritten werden, auch eine ganz normale Verfahrensweise.

Die 1237 vereinbarte Ausgliederung der Hospitalinsassen aus der neustädtischen Pfarrgemeinde scheint dem Deutschen Orden ein ständiger Stein des Anstoßes gewesen zu sein. Schließlich fällten im Jahr 1324 die geistlichen Richter des Mainzer Erzbischofs im Refektorium unseres Franziskanerklosters ihren Spruch: Sie bestätigen den Bürgern das Präsentationsrecht für den Pfarrer (rector) des Antoniushospitals und sprechen ihnen das Recht zu, Altäre und Vikarien auch in der Johanniskapelle zu stiften sowie diese mit geeigneten Geistlichen zu besetzen. Der Rektor darf den Hospitalinsassen die Sakramente spenden und sowohl hier als auch in der Johanniskapelle Gottesdienste abhalten. Keinesfalls darf er Eingepfarrten der alt- und neustädtischen Pfarreien die Sakramente spenden und im Falle eines über die Stadt verhängten Interdikts darf auch er keine kirchlichen Amtshandlungen durchführen. Als Entschädigung für die Einnahmeverluste durch Ausgliederung von Hospital, Johanniskapelle und eines Friedhofes außerhalb der Mauern (?) erhält die Neustadtpfarre vom Rat jährlich 21 Schillinge Mühlhäuser Münze. Gegenstand des Schiedsspruches war außerdem die Regelung des Unterhalts für einen Ordenspriester an der Nikolaikapelle. Dieser Schiedsspruch erwies sich als dauerhafter Kompromiss, dessen Belastbarkeit beide Seiten allerdings immer wieder testeten.

Welchen Einfluss das Antoniushospital im Interesse der Stadt ausübte ist auch daran zu sehen, dass Rektor und Ratsschreiber Dietmar und die beiden Verwalter im Jahr 1336 als Inhaber des Patronats über die Jakobikirche in Sambach dem Jechaburger Archidiakon den Priester Konrad von Weidensee als Pfarrer präsentierten.

Als es in den Jahren 1357-1362 zwischen Rat und Deutschem Orden zu einer heftigen Auseinandersetzung wegen der Bestattungsordnung während einer Pestepidemie kam, verbot der Orden jegliche kirchliche Handlung (Interdikt). Er übte damit auf den mittelalterlichen Menschen einen ungeheuren Druck aus, den der vom Rat angerufene Erzbischof von Mainz als nicht angemessen ansah. Da er auch die Verhängung des Interdikts aus rechtlichen (und wohl auch machtpolitischen) Gründen nicht für gerechtfertigt hielt, wies er den Rektor des Hospitals, den Vikar der Johanniskapelle, den Pfarrer der Mauritiuskirche Popperode und den Pfarrer von Tutensode an, in der Hospitalkirche ein Taufbecken zu errichten und auch die anderen Sakramente den Mühlhäusern zu spenden. Der Erzbischof sanktionierte so die Übertretung seines eigenen Richterspruches von 1324 durch den Rat und schließlich wurde der eigentliche Konflikt um die Bestattungsordnung 1362 auch zugunsten der Stadt entschieden.

Bevor die kirchlichen Verhältnisse in Mühlhausen durch die Reformation grundlegend umgestaltet wurden, soll noch ein geradezu zeittypischer Vorfall erwähnt werden: Im Jahre 1522 wurde der Priester des Antoniushospitals Johann Griesbach ertappt, "wie er mit eines Bürgers Weibe buhlete". Obwohl er dem Ehemanne eine Entschädigung (!) zahlte, setzte er die Buhlschaft fort, brach ein Loch in die Stadtmauer, durch das er die Frau ins Hospital einließ. Schließlich musste er die Stadt verlassen.

Das Aussehen der mittelalterlichen Hospitalgebäude ist uns nicht bekannt. Brände, Neu- und Umbauten sorgten für steten Wandel. So begann die Bruderschaft des Hl. Erlösers, der Jungfrau Maria und der Hll. Jakob und Johannes Evangelist 1462 nach einem Brand mit dem Wiederaufbau der Hospitalgebäude. Einzig die nach kunstgeschichtlichen Kriterien um 1270 erbaute Hospitalkirche ist ein Zeugnis der frühen Baugeschichte. Sie ist damit das älteste Kirchengebäude unserer Stadt.

Zu den grundlegenden Veränderungen der kirchlichen Verhältnisse und religiösen Vorstellungen durch die Reformation gehörte ein gewandeltes Verständnis von Armut und den guten Werken zu ihrer Linderung. Armut wurde tendenziell zu einem selbstverschuldeten Makel, vor dessen Folgen das Gemeinwesen zu schützen war.

Almosen würden nur das Nichtstun fördern und brächten dem Geber auch nicht das Seelenheil. Nur das Allernotwendigste wurde den Hospitalinsassen gewährt, gegen Arbeitsleistung, wenn irgend möglich.

Kirchenrechtlich brachte die Reformation auch eine entscheidende Neuerung für das Antoniushospital: Das Patronat beider Pfarrkirchen ging vom Deutschen Orden auf die Stadt Mühlhausen über. Dadurch verlor die Stadt ihr Interesse an den Sonderpfarrrechten des Hospitals und eine Jahrhunderte alte Konfliktzone löste sich auf.

Sporadisch bleiben die Nachrichten über das Antoniushospital auch in den Jahrhunderten seit der Reformation, abgesehen von den alljährlichen summarischen Abrechnungen. Im Holzgassenbrand von 1649 wurde auch das Hospital schwer in Mitleidenschaft gezogen und konnte erst ab 1656 wieder aufgebaut werden. Der neue Dachreiter der Kapelle wurde 1657 verschiefert und 1660 wurde eine neue Glocke gegossen. Das sogenannte Männerhaus konnte nach dendrochronologischen Befunden zwischen 1660 und 1663 wieder aufgebaut werden.

Immerhin verfügte das Hospital auch über eine Orgel, die während des Orgelneubaus 1723 in der Marienkirche eingesetzt wurde.

Im Jahre 1744 legten Rat und Vormünder/Administratoren die Anzahl der Pfründner auf 35 fest - 1542 waren es 9 Brüder, 1545 16 Brüder und 7 Schwestern. Diese Pfründner wurden entsprechend der Höhe der beim Eintritt gezahlten Summe aus den Einkünften des Hospitals aus Natural- und Kapitalzinsen versorgt. Überschüsse setzte der Rat im schlecht ausgestatteten Jakobihospital vor dem Görmartor und im "Armenkloster" im ehemaligen Dominikanerkloster am Untersteinweg ein.

Während des Siebenjährigen Krieges bezog die französische Besatzung das Hospitalareal 1761 in das von ihr geschaffene Befestigungssystem ein und nutzte die Kapelle wie andere Kirchen der Stadt auch als Magazin. In der Hungersnot von 1772 erfasste der Rat die Notleidenden des Blidenviertels in der Hospitalkapelle, die so zum Bezug von Brot zu Niedrigpreisen aus den städtischen Getreidemagazinen berechtigt waren.

Nach der Inbesitznahme Mühlhausens 1802 begann die preußische Verwaltung mit der Neuordnung der völlig durcheinandergeratenen Vermögensverwaltung des Antoniushospitals wie auch der ganzen Stadt. Wegen der Kriege und politischen Umwälzungen der folgenden Jahre konnte die völlige Neustrukturierung des "Armen- und Krankenwesens" erst 1822/23 zum Abschluss gebracht werden. In diesen turbulenten Jahren versorgte das Hospital nur 12 Pfründner.

Von nun an verwaltete die Stifts- und Armenkasse das Vermögen der ehemaligen Hospitäler, die entweder, wie das Jakobihospital, 1822 aufgehoben oder, wie das Margaretenhospital vor dem Pfortentor am Standort des heutigen Tilesius-Gymnasiums, in ein Krankenhaus für Arme umgewandelt wurden. Im Antoniushospital entstand eine Pflegeanstalt für 50 alte, schwache und gebrechliche Arme. Über ihre Aufnahme entschied die Armenkommission. Im Jahre 1854 waren alle Pfründner aus der Zeit vor 1823 gestorben. Bereits 1833 waren 2 alte Gebäude abgebrochen worden, an deren Stelle ein Garten angelegt wurde.

Durch Um- und Erweiterungsbauten konnte die Anzahl der Insassen bis auf 75 in den 1880er Jahren erhöht werden, die mit einem schon damals als dürftig empfundenen Tagessatz von 53 Pfennigen versorgt wurden. Männer und Frauen waren getrennt in Schlaf- und Wohnsälen untergebracht. Die beiden Weltkriege mit ihren Folgen haben die ohnehin auf Hilfe angewiesenen Hospitalinsassen in ihrer ganzen Härte zu spüren bekommen.

Im Jahr 1949 hatte das nun als Feier-abendheim bezeichnete Antoniushospital 71 Plätze, deren Anzahl durch Schaffung von 42 Pflegeplätzen 1950 im Pflegeheim "Rosenhof" erhöht werden konnte. Durch Ankauf des Hauses Holzstraße 11 konnte die Anzahl der Plätze 1952 auf 190 erhöht werden. Ein Heimausschuss sicherte das Mitspracherecht der Heimbewohner.

Die Verwaltung des Antoniushospitals (und des Rosenhof-Heims) war 1975 von der Stadt auf die Heimverwaltung beim Rat des Kreises übergegangen.

Neubauten von Feierabend- und Pflegeheimen führten 1983 zur Aufgabe des Antoniushospitals als Feierabendheim. Die letzten dort untergebrachten behinderten Menschen erhielten 1989 eine neue Heimstatt. Nach ersten Vorarbeiten 1982 übernahm die Arbeitsstelle Mühlhausen des VEB Denkmalpflege Erfurt 1983 einen Großteil des Geländes. Die hier tätigen Steinmetze, Maurer, Zimmerleute und Dachdecker übernahmen in und um Mühlhausen Spezialleistungen in der Denkmalpflege. Natürlich setzten sie auch ihr neues Domizil in Stand. Für DDR-Verhältnisse war das für Mühlhausen ein Glücksumstand mit Auswirkungen bis nach der Wende von 1989, als mit den neuen Möglichkeiten der Stadtsanierung auch Spezialisten zur Verfügung standen. Nach der Privatisierung blieb der Betrieb "Denkmalpflege Mühlhausen" bis zum Frühjahr 2002 im Standort Antoniushospital, der dann aber aus Platzgründen aufgegeben werden musste. Seit dem 9. September 2003 befindet sich eine Gruppenherberge mit Seminar- und Freizeitangeboten auf dem altehrwürdigen Gelände des Hospitals.

Martin Sünder, Stadtarchiv Mühlhausen